Willi fährt auf Trecker ab

Elfershäuser nimmt mit Schlepper-Tour Abschied als Landmaschinenmechaniker

Melsungen/malsfeld. 51 Jahre reparierte Willi Scholl aus Elfershausen Landmaschinen bei der Melsunger Raiffeisen-Zentrale. Jetzt plant der 65-Jährige einen grandiosen Abschied: Mit einem Fendt-Schlepper will der Elfershäuser 22 Raiffeisen-Standorte in Hessen und Thüringen abklappern und sich von seinen Kollegen in den Ruhestand verabschieden.

Steht mit Schleppern auf du und du: Willi Scholl (links) repariert seit 51 Jahren Landmaschinen. Unser Bild zeigt ihn in der Melsunger Werkstatt der Raiffeisen-Zentrale mit seinem Kollegen Frank Grenzebach. Fotos: Grugel

Sein langjähriger Arbeitgeber, die Raiffeisen Kurhessen-Thüringen, hat für das Vorhaben nicht nur grünes Licht gegeben, sagt Frank Grenzebach vom Vertrieb der Melsunger Raiffeisen-Zentrale. Auch die Spesen werden übernommen.

Das hat Willi Scholl allerdings auch verdient: Im zarten Alter von zwölf Jahren war der gebürtige Elfershäuser mit dem Fahrrad nach Melsungen zur Raiffeisen-Stelle gefahren, um sich um eine Lehrstelle zu bewerben – als 13-Jähriger trat er dort seine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker an. Seine Bilanz 51 Jahre später: „Ein Traumberuf war das hier.“

14-tägige Abschiedstour

Bei der Raiffeisen reparierte der Vater von zwei erwachsenen Kindern nicht ausschließlich Schlepper. Er setzte sich als Betriebsrat und im Aufsichtsrat des Unternehmens mit 1300 Beschäftigten in Hessen und Thüringen auch für seine Kollegen ein. Deshalb kennt der Elfershäuser in allen Werkstätten Leute – und darum will er sich überall auch persönlich verabschieden. Schätzungsweise wird die Tour 14 Tage dauern.

Seine frühe Selbstständigkeit erklärt sich der 1945 Geborene damit, dass er ohne seinen seit Kriegsende vermissten Vater aufwachsen und schon früh in der Landwirtschaft mithelfen musste.

Wie der Raiffeisen blieb Willi Scholl später auch der Landwirtschaft treu: Bis 2006 versorgte er elf Milchkühe und 15 Hektar Acker- und Grünland. Dafür stand er schon um 4 Uhr morgens auf und erschien manches Mal mit Duftnote bei der Arbeit.

„Die Schlepper waren mein Handwerk, darauf kann man auch abfahren.“

Willi Scholl

„Wo ich zufrieden bin, da bleibe ich“, sagt Willi Scholl, der selbst seinem Friseur nachreiste. Treue hält er auch den Landmaschinen. Trotz Rente auf dem Konto stand der 65-Jährige gestern in der Raiffeisen-Werkstatt und kümmerte sich um eine gebrochene Treckerachse. Vor seiner Haustür steht ein Fendt 215 Allzweck-Geräteträger. „Die Schlepper waren mein Handwerk, darauf kann man auch abfahren“, sagt Willi Scholl.

Langeweile sieht der 65-Jährige im Ruhestand nicht auf sich zukommen. Bücher will der Elfershäuser lesen, seiner Frau eine Wunschliste erfüllen und weiter in den Vereinen und bei der Malsfelder Feuerwehr mitmischen, der er von 1990 bis 2005 als Gemeindebrandinspektor vorstand. Nur eins gibt’s nicht: Reisen. Auch da bleibt sich der 65-Jährige treu, der in seinem Leben keine Handvoll Urlaubstage in fernen Gegenden unterwegs war.

Von Lorenz Grugel

Quelle www.hna.de