Viele wollen in die Jugendarbeit

Wenige Erzieher wählen Jobs in Kindergärten: Patrick Böttcher ist einer davon

SCHWALM-EDER. Männlicher Erzieher sind im Schwalm-Eder-Kreis selten, doch es gibt sie: Patrick Böttcher arbeitet seit mehr als drei Jahren in dem Melsunger Kindergarten Lutherhaus. Der 30-Jährige hat seine Ausbildung zum Erzieher in Thüringen gemeinsam mit acht anderen Männern gemacht.


„Die meisten davon sind nach ihrer Ausbildung aber in die Jugendarbeit gegangen“, sagt Böttcher. Auch er hatte das zunächst vor. Nach einem Praktikum im Kindergarten stand für ihn jedoch fest: „Ich möchte lieber mit jüngeren Kindern arbeiten.“ Die Kinder mussten sich anfangs erst daran gewöhnen, dass nun ein Mann im Lutherhaus arbeitet. „Da ist ihnen aus Gewohnheit schon mal ein Frau Böttcher herausgerutscht“, erinnert sich der 30-Jährige. Die Eltern der Kindergartenkinder und seine weiblichen Kollegen sind rundum zufrieden mit dem Erzieher.

„Herr Böttcher macht das mit den Kindern sehr gut“, lobt Mutter Piros Miraodeodely. Gar keine Männer in der Kinderbetreuung findet man beim Tageselternverein Felsberg und Schwalm-Eder. „In der Vergangenheit haben sich drei Männer für die Betreuung qualifiziert, arbeiten aber nicht als Tagesväter“, sagt Geschäftführerin Gisela Kuhnert.


Das liege auch an den geringen Verdienstmöglichkeiten in dem Berufsbild. Dass der Erzieherberuf eine Frauendomäne ist, liegt nach der Meinung von Dr. Martin Sander-Gaiser, Leiter der Hephata Akademie für soziale und diakonische Berufe in Schwalmstadt, am Berufsprofil und nicht an der anspruchsvollen Ausbildung.
Patrick Böttcher würde jedem Mann – der eine Ausbildung zum Erzieher macht – empfehlen zumindest in den Kindergartenalltag rein zu schnuppern, und schwärmt: „Im Kindergarten zu arbeiten ist einfach ein wunderschöner, abwechslungsreicher und anspruchsvoller Beruf.“ (yvk)

 

Quote liegt bei knapp einem Prozent – Wichtige Vorbildfunktion

SCHWALM-EDER. Im Schwalm-Eder-Kreis ist die Anzahl von männlichen Erziehern in Kindergärten verschwindend gering. „Von insgesamt 750 Betreuern sind weniger als zehn Männer“, sagt Dieter Werkmeister, Sprecher des Schwalm-Eder-Kreises. Dabei wären laut Experten dringend männliche Vorbilder für die Kinder nötig.
Doch im Kreis liegt die Quote von Männern mit einer Ausbildung zum Erzieher in den Kindergärten bei knapp über einem Prozent. Bei 6925 Betreuungsplätzen kommt so ein Erzieher auf über 690 Kinder. Um die Anzahl von Erziehern in den Kindergärten der Bundesrepublik zu erhöhen, ist vor einem Jahr das Programm „Mehr Männer in Kitas“ gestartet.

Gefördert wird es vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie durch den Europäischen Sozialfonds. Allerdings bleibt Nordhessen außen vor. „Bei uns in der Gegend gibt es keine besondere Förderung für Männer“, sagt der Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel Michael Conrad. Laut der Koordinationsstelle des Projekts „Mehr Männer in Kitas“ sind Erzieher für Jungen und Mädchen gleichermaßen wichtig: „Sowohl Jungen als auch Mädchen brauchen in der frühkindlichen Erziehung männliche Vorbilder. Männer, die toben, raufen – und auch vorlesen, trösten, schlichten, wickeln, den Tisch decken.“


Als Erzieher in einer Kindertagesstätteverdient man nach Angaben von Verdi Nordhessen brutto zwischen 2000 und 2700 Euro. „Viele Gemeinden in Nordhessen bezahlen aber weniger.“ An der Hephata Akademie für soziale und diakonische Berufe in Schwalmstadt machen laut Akademieleiter Dr. Martin Sander-Gaiser gerade 21 Männer eine Ausbildung zum Erzieher. „In den letzten Jahren ist die Zahl leicht angestiegen. Von einem Männer-Ansturm ist jedoch nichts zu sehen.“

Das Projekt „Mehr Männer in Kitas“

„Mehr Männer in Kitas“ wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Startschuss für das Programm war im Januar 2011. 16 Modellprojekte mit 1300 Kindertagesstätten in dreizehn Bundesländern beteiligen sich daran. Ziel ist es, Wege zu finden, mehr männliche Fachkräfte für den Beruf des Erziehers zu gewinnen und sie langfristig dafür zu begeistern. In Hessen gibt es Modellprojekte in Wiesbaden und Darmstadt. In Nordhessen gibt es noch keine Förderung. Von den dort gewonnenen Erfahrungen sollen später Kindertagesstätten in ganz Deutschland profitieren. (yvk)

Nicht nur für Frauen

VERENA KOCH über den Beruf des Erziehers

In den Kindertagesstätten des Schwalm-Eder-Kreises gibt es so gut wie keine männlichen Erzieher. Dabei sind männliche Vorbilder für Kinder genauso wichtig wie weibliche. Erziehung ist heutzutage nicht mehr reine Frauensache. Das beweisen auch etliche Väter, die sich eine Elternzeit nehmen. Trotzdem ist das Berufsbild des Erziehers eine Frauendomäne. Immer wieder wird unter dem Stichwort der Gleichberechtigung über eine Frauenquote in Führungspositionen diskutiert. Über Männer in Frauenberufen wird unter diesem Gesichtspunkt selten gesprochen. Das zeigt auch der bekannte Girls Day. Im Gegensatz dazu ist der Boys Day – der am selben Tag Jungen für soziale Dienstleistungsberufe begeistern soll – eher unbekannt.


Ein erster Schritt, damit Bezeichnungen wie „typisch männlich“ und „typisch weiblicher Beruf“ in Zukunft überflüssig werden, ist das Programm „Mehr Männer in Kitas“. Bleibt zu hoffen, dass sich die Ergebnisse aus den Modellprojekten auch auf die Kindergärten im Schwalm-Eder-Kreis auswirken.

Quelle: HNA

 

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